Ostendstrasse

Helga Müller | ein Fragment 

Ein Video-Textportrait von Sabine Bürger 






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Helga Müller verkörpert die Idee und den Ort Mariposa, ihr 1984 konzipiertes Lebensprojekt, das sie 25 Jahre gemeinsam mit ihrem Mann Hans-Jürgen Müller gebaut und vermittelt hat und nach seinem Tod im Alleingang weiterführt.

„Mariposa war immer auch ein Projekt, das gefragt hat: Wo ist denn Eure Ethik geblieben? Für wen wollt Ihr Vorbild sein? Und inwiefern ist Euer Vorbild für die Entwicklung der Zukunft tödlich?“ (Helga Müller)


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Helga Müller, Ausstellungsansichten Galerie Lisi Hämmerle, Anton-Schneider-Str. 4a, Bregenz/Österreich 

11.2.–29.3.2017




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Das Projekt erforscht die kunstgeschichtliche Tradition des Portraits im Medium Video und bindet dokumentarische Bild- und Textelemente im Sinne der Konzeptkunst ein.

Das Portrait basiert auf einer Reihe von Interviews mit Helga Müller. In insgesamt vier mehrstündigen Gesprächen berichtet Helga Müller auf persönliche und reflektierte Art aus ihrem Leben, von ihrer erfolgreichen ersten Karriere und ihren Erfahrungen mit den Lenkern der deutschen Wirtschaft, die sie letztlich dazu motivierten, sich unter die Bedingungen der Kunstwelt zu begeben und ein wichtiges Kapitel deutscher Kunstgeschichte mitzuschreiben.


Dieser Videoclip zeigt einen 11-minütigen Ausschnitt aus Helga Müller | 1-Kanal-Video, 8 Std 46 Min 3 Sek (Loop)


Mit einer Laufzeit von fast neun Stunden bringen uns die Aufzeichnungen dieser (auto)biografi-schen Erzählungen nicht nur Helga Müller in Fragmenten nahe, sondern testen die Kapazität der Betrachter, Informationen zu absorbieren, und veranschaulichen die Tatsache, dass ein Leben, selbst in filmischer Überlänge, narrativ nur fragmentarisch vermittelbar ist.

Das ephemere Medium Video eignet sich wie kein anderes künstlerisches Genre zur Reflexion einer Grundbedingung des menschlichen Daseins, der verfließenden Zeit. In Helga Müller treffen verschiedene zeitliche Ebenen aufeinander. Eine digitale Anzeige im Bild gibt die Videolaufzeit in Echtzeit wieder. Datum, Uhrzeit und Ort des jeweiligen Interviews sind ebenfalls eingeblendet. In Beziehung zu den in der Erzählung angesprochenen Zeiträumen, angefangen bei der Epoche der deutschen Nachkriegszeit, wird so ein komplexes Koordinatensystem aufgespannt, das die Fragen, die Helga Müller und ihre Utopie aufwerfen, in die heutige Zeit und den Ausstellungsraum transportiert.

Ein weiteres zentrales Element ist eine Transkription der kompletten Interviews. Das insgesamt 234 getippte Seiten umfassende Protokoll, das durch Fotografien aus Helga Müllers Archiv und weitere dokumentarische Materialien ergänzt und in vier Aktenordnern präsentiert wird, fügt dem Projekt eine zusätzliche Dimension hinzu, die sich durch zeitliche Verweise eng mit dem filmischen Ablauf verschränkt (jedem Textabsatz ist die entsprechende Videolaufzeit vorangestellt), sodass der Betrachter zwischen den akustisch-visuell und in Textform dargebotenen Inhalten hin und her manövrieren kann.


Installation Buerger

Helga Müller, Ausstellungsansichten Städt. Galerie Ostfildern 2016, Foto: J. Bubeck (oben) und G. Müller (unten)

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© Sabine Bürger 2015